Freitag, 16. Dezember 2016

Wenn die Weihnachtskerzen…

Georg Zaja aus Bienenbüttel zieht seine eigenen Lichte
„Mit drei Farben ist es immer schwierig, die Temperatur zu halten.“ Georg Zaja nimmt seinen jungen Helferinnen die Kerzen aus der Hand und zeigt ihnen, worauf es ankommt. „Jetzt schnell eine Runde um die Herdstelle“, sagt er und Johanna und Jost Ole gehen mit ihren Dochten vorsichtig durch das Kötnerhaus. Johanna weiß schon, wie es geht, denn sie war bereits im Vorjahr beim Kerzenzieher. Jedes Jahr zum
Saisonschluss ist Georg Zaja mit seiner Kerzenwerkstatt im Museumsdorf Hösseringen zu Gast und zeigt allen, die es sehen möchten, wie auf traditionelle Weise Kerzen gezogen werden. „Wir machen das in der Familie seit mehr als 25 Jahren“, erzählt der 61-Jährige. Kennengelernt habe er das alte Handwerk während eines Dänemark-Urlaubs. „Das war eine Papa-Aktion für die Kinder“, schmunzelt er. Um des lieben Friedens willen habe er sich breit schlagen lassen, im Hochsommer Kerzen zu
ziehen. Leicht mürrisch sei er in der kleinen Werkstatt eingetroffen. „Ich habe die Dochte aufgefädelt und dann ging der Kreislauf los“, erinnert er sich. Nach der dritten Runde mit dem Docht merkte er, der Groll war verschwunden und nach der zehnten Runde begann es, Spaß zu machen. „Je dicker die Kerzen wurden, umso mehr Ruhe und Zufriedenheit brachte mir das. Damals hätte mich doch kein Mensch zum autogenen Training auf die Matte bekommen“, erzählt er. Für Georg Zaja wird das
Kerzenmachen sein ganz privates Training für den inneren Ausgleich. „Ich habe damit meine Meditationsmöglichkeit gefunden.“ Zehn Jahre lang werden vom dem ersten Kennenlernen an in jedem Urlaub fleißig Kerzen gezogen, immer in Blavand in Dänemark. Doch die kleine Werkstatt dort wird irgendwann zugemacht und Georg Zaja entschließt sich, sein Hobby mit nach Hause zu nehmen. Viel braucht es nicht, mit einem Topf, Dochten, einen Ziehteller und Wachs kann die kleine Werkstatt in Bienenbüttel starten. Das
Ganze spricht sich schnell herum und bald werden Wünsche an Georg Zaja heran getragen. Er geht nun auch auf Märkte, besonders in der dunklen Jahreszeit sind seine Kerzen begehrt. Der Historische Weihnachtsmarkt in Lüneburg hat es ihm besonders angetan. Produziert werde aber das ganze Jahr über, immer mal spontan, je nach Stimmungslage. Seine Fachkenntnisse hat Georg Zaja in Dänemark erworben. „In jedem Urlaub ist etwas hinzu gekommen“, sagt er. „Wenn man 30 Jahre lang an den gleichen Ort
fährt, baut man Freundschaften auf.“ So sei es mit der Kerzenzieherin gewesen und noch heute fertigt Georg Zaja seine Kerzen nach skandinavischer Art. „Die dreiarmigen Kerzen symbolisieren die Dreifaltigkeit, die Form kommt von einer alten nordischen Rune“, erklärt er.

Ins Museumsdorf kommt Georg Zaja schon seit zwölf Jahren. Hier stellt er jedes Jahr die einzelnen Arbeitsgänge des Kerzenziehens vor. „Zuerst wird der Docht aufgefädelt und im Schmelztopf versiegelt“, zeigt er. Vollgesaugt mit Wachs kann der Docht dann in den großen Ziehtopf getaucht werden. Nur zwei Zentimeter dick ist die Wachsschicht im Topf, darunter befindet sich warmes Wasser, das den Wachs weich hält. Wird der kalte Kerzenkörper ins heiße Wachs getaucht, bleibt eine dünne Schicht daran kleben und erst wenn diese ausgehärtet ist, kann die Kerze erneut getaucht werden - ein Vorgang, der viele Male wiederholt werden muss, je nachdem, wie dick die Kerze werden soll. „Bei 60 Grad Temperatur muss man zweimal tauchen, um einen Millimeter Dicke zu gewinnen.“ Georg Zaja taucht die noch sehr schlanke Kerze ein, um sie auf die passende Dicke zu bringen. „Das kann schon mehrere Stunden dauern, immer im Kreisverkehr rund um den Topf“, sagt er. Zum Schluss wird der Ziehtropfen abgeschnitten.
Die größte Kerze, die Georg Zaja je gemacht hat, war ein 25-armiges Arrangement zu einer Silberhochzeit. „Das war eine Tagesarbeit“, meint er. Das Wachs ist ein Gemisch aus Paraffin, einem Erdölprodukt, und dem Pflanzenfett Stearin. „Man kann auch noch 20 Prozent Bienenwachs dazugeben, dann gibt das einen schönen Farbton und riecht beim Verbrennen gut. Früher wurden Kerzen aus Rinder- und Schaftalg hergestellt.“ Dazu habe man Schmalz sehr lange gekocht. Durch die Hitze scheidet sich das Fett vom Wasser, das Wasser sackt nach unten und oben bildet sich die Talgschicht. Daraus wurden Lichte gemacht. Das Ganze fand weitab von den Gehöften in kleinen Hütten statt, denn es war eine brandgefährliche Sache. „Auf den Bauernhöfen war es üblich, seine Lichte selbst herzustellen“, weiß Georg Zaja, nur die Reichen hatten damals Bienenwachskerzen. „Ich würde gerne mal ein Experiment machen und selber Talglichte herstellen“, meint er. Vielleicht bietet sich im Museumsdorf ja einmal die Gelegenheit…

Montag, 12. Dezember 2016

Der Neue „Zweite Mann“ in Hösseringen

Hauke-Hendrik Kutscher ist seit dem 1. November Stellvertretender Museumsleiter
Er ist der neue zweite Mann im Museumsdorf Hösseringen: Am 1. November hat Dr. Hauke-Hendrik Kutscher seinen Dienst im Freilichtmuseum angetreten. In der Nachfolge von Günther Reimers, der in diesem Jahr in den Ruhestand ging, kümmert er sich fortan um die Museumspädagogik, um das Veranstaltungsmanagement sowie um den Bereich Technik und Gebäudeunterhaltung. 

Hinzu kommen Mitwirkung bei der Betreuung der Sammlungen und der Gestaltung von Ausstellungen. Ein breit gefächertes Aufgabenspektrum für den Historiker, der zuletzt im Freilichtmuseum Detmold tätig war. „Ja, das ist richtig, das war aber auch in der Ausschreibung so dargestellt“, bestätigt er. Und genau dieses umfangreiche, aber eben auch vielfältige Arbeitsfeld erschien ihm spannend. Zudem hatten die Erfahrungen in Detmold in ihm den Wunsch reifen lassen, weiterhin in einem Freilichtmuseum tätig zu sein, aber auch neue Erfahrungen zu sammeln. Da passte die Ausschreibung in Hösseringen.

Hauke-Hendrik Kutscher wurde 1974 in Rinteln im Landkreis Schaumburg geboren und ist dort auch aufgewachsen. Nach dem Abitur absolvierte er seinen Zivildienst beim Rettungsdienst Bückeburg, eine wichtige Erfahrung, sagt er rückblickend, „weil man die eigenen Grenzen austestet und lernt, Dinge zu tun, die man sich nicht zugetraut hätte.“ Einen Bezug zur Geschichte hatte er schon in jungen Jahren, bereits als Schüler arbeitete er ehrenamtlich in einem Verein bei der evangelischen Landeskirche mit. Der kümmert sich um Gedenkstätten und organisiert auch Schüleraustauschprogramme mit Polen, die einen historischen Bezug haben. „Damals ist die Idee gereift, Geschichte zu studieren“, erinnert er sich. Hauke-Hendrik Kutscher schreibt sich in Bielefeld an der Fakultät für Geschichtswissenschaft ein, Neuere Geschichte und Zeitgeschichte sind seine Schwerpunkte, als Nebenfach wählt er Jura. Um Rechtsgeschichte geht es auch in seiner Doktorarbeit, die er 2014 abschließt. 2013 findet Hauke-Hendrik Kutscher eine Anstellung als Wissenschaftlicher Volontär beim Freilichtmuseum Detmold, hier wird er dann auch Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dokumentar. Zur Bewerbung in Hösseringen entschließt sich der junge Wissenschaftler, weil er gerne weitere Erfahrungen sammeln und auch mal „handfest arbeiten“ möchte. Deshalb gefällt ihm gerade der erweiterte Verantwortungsbereich. „Es macht mir Spaß, zwischen Wissenschaft und der Arbeit mit den Besuchern zu pendeln“, sagt er. Auch das passe im Museumsdorf, wo jeder über seinen Tellerrand schauen muss, damit der „Betrieb am Laufen bleibt“. „In Detmold gab es für alle Bereiche eigene Abteilungen, das ist in unserem kleinen Team gar nicht möglich“, fasst er zusammen. Die Lüneburger Heide ist für Hauke-Hendrik Kutscher, der oft Verwandte in Schneverdingen besuchte, zudem eine Landschaft mit Kindheitserinnerungen. So war dann auch der private Umzug nach Suderburg keine Frage.

Im Museumsdorf hat er sich als erstes mit dem Kunsthandwerkermarkt beschäftigt, der stand gerade ins Haus, als er im November seinen Dienst begann. „Ich bin sehr gut aufgenommen worden“, erzählt er, besonders beeindruckt habe ihn das ehrenamtliche Engagement der vielen Helfer. Jetzt gehe es darum, die neue Saison vorzubereiten. Der Veranstaltungsplan steht weitgehend, ein Höhepunkt wird wieder das Schlepper-Veteranentreffen sein. Wichtig ist Hauke-Hendrik Kutscher die Ausweitung von Angeboten für Familien mit Kindern, aber auch für Senioren und Menschen mit Einschränkungen. „Da ist das Museum auf einem guten Weg“, fasst er zusammen. Auch der Zustand der Häuser müsse im Auge behalten werden, denn im Museumsdorf ist immer etwas instand zu halten oder zu restaurieren. Schließlich kann er sich gut vorstellen, ökologische Aspekte noch stärker als bisher zu thematisieren. Hier könnten die Museumsgärten gut eingebunden werden. Insgesamt geht es Hauke-Hendrik Kutscher darum, den Bildungsauftrag des Museums gut mit dessen Erholungs- und Freizeitwert zusammenzuführen. „Gelungene Museumsarbeit bedeutet für mich zum Beispiel, wenn Großeltern mit ihren Kindern und Enkeln kommen und dann vielleicht auch aus ihrem eigenen Leben erzählen“.

Montag, 5. Dezember 2016

Fürs Praktikum zurück nach Hause

Vivien Malec forschte im Museumsdorf 

Gestern hatte sie ihren letzten Tag im Museumsdorf Hösseringen. Vier Wochen lang hat Vivien Malec im Freilichtmuseum Praxisluft geschnuppert, bevor es nun wieder zurück nach Halle an die Uni geht. Kunstgeschichte und Orientarchäologie studiert die junge Frau seit 2013 in der altehrwürdigen Saalestadt, da wirkt das Praktikum in Hösseringen doch eher bodenständig. 

Trotzdem lag Hösseringen nahe, denn für Vivien ist ihr Praktikum eine Art Heimspiel – sie stammt aus Uelzen. „Die vier Wochen wohne ich wieder zuhause“, lacht sie, „das ist auch schön. Außerdem wollte ich gerne etwas im ländlichen Raum machen, wo man rausgehen kann und der Betrieb nicht ganz so groß ist.“
Für das Museum kam die unerwartete Unterstützung gerade recht, denn Vivien half bei weiteren Recherchen für eine Ausstellung über Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter während des Ersten und Zweiten Weltkrieges, die schon lange in Planung ist. Besonders mit einer Person hat sich Vivien beschäftigt: Antoni Miklas aus dem Kreis Torun in Polen. Vivien hat nämlich selbst Verwandte dort. „Mein Opa ist in der Region geboren, aus der der Herr Miklos kommt“, erzählt sie, die Großeltern leben heute noch dort. 

Sie haben sich für Vivien bei den Behörden vor Ort eingesetzt und in den Ämtern nachgefragt und so konnte die junge Praktikantin tatsächlich viele Details aus dem Lebenslauf des ehemaligen Zwangsarbeiters zusammentragen. „Wie er nach Deutschland gekommen ist, weiß man nicht mehr“, erzählt sie. Wie viele Leidensgenossen arbeitete Antoni Miklas in einem landwirtschaftlichen Betrieb, nach Sülze bei Celle hatte es ihn verschlagen. 

Nach dem Krieg ging er zurück in seine Heimat und gründete eine Familie. Er starb im Jahr 1973.
Neben den Nachfragen in der Heimat von Anton Miklas wertete Vivien Unterlagen aus dem Museumsarchiv aus. Dokumente des Hofes in Sülze wie etwa Quittungen und Bilder gehören dazu. „Wir sind seit mehreren Jahren mit den Recherchen zu diesem Thema beschäftigt“, freut sich Museumsleiter Dr. Ulrich Brohm über die Informationen. 

Viele Schicksale von ehemaligen Zwangsarbeitern seien nur in wenigen Details bekannt und die Recherche sehr aufwendig. Für das Museumsdorf ist das Thema besonders interessant, da auch im Nebengebäude des Brümmerhofes im Ersten Weltkrieg ein Kriegsgefangener aus Belgien untergebracht gewesen ist. Er hat eine Nachricht an einem Fensterladen hinterlassen. Hier soll später eine Dauerausstellung zum Thema Zwangsarbeit entstehen.
Für Vivien Malec war ihre Praktikumszeit auch eine gewisse Erdung. „Ich habe mich hier mit einem Thema beschäftigt, das dann weiterbearbeitet wird und das in eine Ausstellung münden soll. Das finde ich gut und es ist ein willkommener Unterschied zur Theorie“, sagt sie. Nach dem Praktikum gehe es mit der Bachelorarbeit in Halle weiter. Nebenbei absolviert die junge Frau noch ein Fernstudium der Tierheilkunde in Soltau. „Mir ist aufgefallen, dass ich Kunstgeschichte und Wissenschaft gerne als Hobby betreibe“, erzählt sie, „Aber im Berufsleben möchte ich jeden Tag mit Tieren zu tun haben.“ Auf die künftige Ausstellung ist sie natürlich schon neugierig – ein guter Anlass, wieder einmal ins Museumsdorf zurück zu kommen.